21.03.2026 - Die Rheinpfalz
Alles umsonst
Wer Luxemburg kennen lernen möchte, tut das am besten per Zug, Bus, Straßenbahn und Seilbahn. Auf keine andere Weise kommt man schneller zum Ziel, vor allem nicht in der Hauptstadt. Und das beste: Der ganze Spaß kostet keinen Cent. Von Georg Altherr Schön ist’s, an einem sonnigen Märztag durch das gemütliche Städtchen Esch im Südwesten Luxemburgs zu schlendern. Doch Esch ist an diesem Nachmittag einen Tick zu gemütlich.
Vielleicht will man sich doch lieber in ein belebtes Straßencafé im historischen Zentrum der Hauptstadt setzen? Kein Problem. Ab zum Bahnhof, und 40 Minuten später bestellt man seinen Espresso im „Wëllem“ in der Oberstadt zwischen Kathedrale, Palast, Parlament und Staatskanzlei. Hier, im hoch gelegenen Herzen Luxemburgs, flanieren an diesem Mittwochnachmittag Einheimische und Besucher; die Beamten aus den Ministerien sind etwas geschäftiger unterwegs. Zwischen Krautmarkt, Fischmarkt, Knuedler, Waffelplaz und Gëlle Fraa stehen prächtige Bauwerke aus der Zeit der Renaissance bis zum Neoklassizismus.
Bei schönem Wetter bieten sich dem Besucher spektakuläre Ausblicke in fast alle Himmelsrichtungen: ins und übers Petruss-Tal, auf die Festungsanlagen, ins Tal der Alzette, nach Pfaffenthal und auf den dahinter liegenden Kirchberg.
Nach dem Espresso geht’s zu Fuß durch den Park vor dem schlossähnlichen Seniorenheim der Fondation Pescatore zum gläsernen, kostenlosen Panorama-Aufzug. Der rauscht innerhalb von Sekunden 70 Meter in die Tiefe, von wo aus es über die Alzette-Brücke zum Waschhaus geht, ein Treffpunkt mit Kneipp-Becken, dem die Luxemburger „d'Lidd vum Théiwesbur“, ein Volkslied, gewidmet haben. Vier Fußminuten später erreicht man den Bahnhof Pfaffenthal-Kirchberg, wo ein weiterer gläserner Aufzug einen nach oben zur Talstation der Seilbahn (Funiculaire) bringt. Diese fährt quasi minütlich aufs Kirchberg-Plateau. Da hat man nun die Wahl, ob man mit der Straßenbahn oder einem Leihfahrrad weiterfährt zum Sport- und Kulturkomplex d'Coque, zum Museum für moderne Kunst Mudam, zum Großkino, zur Philharmonie zu den EU-Gebäuden oder zur Expo.
Vorher zu viele Staus
Klar lässt sich eine Tour durch die Stadt auch mit dem Auto erledigen, aber das ist umständlicher und dauert länger, zumal einige Quartiere für Autos gesperrt sind. Luxemburg räumt Bus, Tram und Bahn den Vorrang ein. Seit 2020 kosten die Fahrten nichts mehr, damit Bewohner, Pendler und Touristen das Auto stehen lassen. Die nervenden, ständigen Staus, gerade zu den Stoßzeiten und die Belastung für die Umwelt waren die Hauptgründe. Außerdem deckten die Einnahmen aus dem Billettverkauf nur zehn Prozent der Kosten.
Luxemburg hat nicht nur die Tickets abgeschafft, sondern investiert auch massiv in den Ausbau des Netzes, in Straßenbahnlinien, Busspuren und Qualität. Die Bahnhöfe sind hell, sauber und sicher. Am Hauptbahnhof patrouillieren Sicherheitsleute in neongelben Westen, dazu Bahnmitarbeiter und Polizisten. Im beheizten, in hellem Holz gehaltenen Warteraum sind die Sitze gepolstert und nicht versifft. Ein Putzmann läuft mit Putzwägelchen herum und wischt alle Mülleimer sauber. Trams, Züge und Busse fahren in engem Takt, ziemlich pünktlich, die Umsteigezeiten sind kurz. Hat ein Bus Verspätung, ist an der Haltestelle zu lesen, weshalb und wie viele Minuten. Und wenn man doch mal den Zug nach Ulflingen im Norden, nach Wasserbillig im Osten oder Düdelingen im Süden verpasst? Macht nichts, der nächste kommt spätestens in einer halben Stunde. Selbst abgelegene Bahnhöfe werden mindestens einmal pro Stunde angefahren.
Wer mit dem Auto einen Tagesausflug nach Luxemburg macht, um sich die Hauptstadt oder Städtchen anzusehen, die an einer Bahnstrecke liegen, sucht sich am besten hinter der Grenze den erstbesten Bahnhof aus, etwa den von Wasserbillig, den man via Trier und Autobahn 64 erreicht. Oder den von Bettemburg im Süden, zu dem die Autobahn 13 führt. Am Bahnhof gibt es ausreichend kostenlose Parkplätze, und in 21 Minuten kommt man vom Bahnhof Bettem-burg ins Herz der Landeshauptstadt. Die Züge, Trams und Busse sind außerhalb der Stoßzeiten nicht übervoll. Wer ziemlich allein im Abteil sitzen möchte, fährt erster Klasse, zahlt dafür dann aber einen Obulus.
Alles wunderbar also in Luxemburg? „Naja“, sagt ein Schaffner, der Wasser in den Wein gießt und deshalb seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Früher, als die Leute noch Fahrscheine kaufen mussten, war’s besser“, sagt er. Warum? Naja, es gebe auch im reichen Luxemburg Menschen, die nicht wüssten wohin mit sich. Die setzten sich dann frühmorgens oder nachts in den Zug, weil’s da warm und bequem ist und nichts kostet. „Die sind schwer rauszubekommen“, sagt der Schaffner. Wenn die dann anfingen, Schwierigkeiten zu machen, könne es zu brenzligen Situationen kommen. Er habe weder ein Spray noch sonst etwas dabei, um sich im Fall der Fälle zu verteidigen, außerdem werde pro Zug nur ein Schaffner eingesetzt. „Sicherheit geht vor“, sagt der Mann, „auch meine Sicherheit. Wenn die Person, die Rabatz macht, nicht mit Worten aus dem Zug zu bringen ist, dann fährt der Zug nicht. Anders geht’s nicht.“
Doch so oft komme das nun auch wieder nicht vor. Vor allem tagsüber seien die Fahrgäste ganz überwiegend angenehm. Dann lacht der Schaffner – und geht die Fahrkarten der Passagiere in der ersten Klasse kontrollieren.
Vorbild für Rheinland-Pfalz?
Kostenlose Bus- und Bahnfahrten für alle im ganzen Land: Wäre das auch was für Rheinland-Pfalz oder das Saarland? Nein, nicht übertragbar, meinen die Mobilitätsministerien der beiden Bundesländer auf Anfrage. Das sei finanziell nicht zu stemmen, denn der öffentliche Personenverkehr werde hier zu einem Drittel mit dem Fahrkartenverkauf bezahlt. Würde Rheinland-Pfalz Bus- und Bahnfahrten kostenlos anbieten, müsste das Land 500 Millionen Euro drauflegen. Beide Ministerien verweisen statt dessen auf das „sehr günstige“ Deutschlandticket.
Ein solches kauft sich zurzeit nur eine Minderheit: 19 Prozent aller Rheinland-Pfälzer und 14 Prozent aller Saarländer.
