20.02.2026 - Die Rheinpfalz Pfälzische Volkszeitung
Vom Wandel einer Eisenbahnerstadt
Kaiserslautern ist eine Eisenbahnerstadt gewesen. Im 19. Jahrhundert war die Bahn der größte Arbeitgeber. Heute existiert nur noch der Hauptbahnhof. Ein Blick in die Historie. Von Gerhard Westenburger
Die Eisenbahn in Kaiserslautern hat Mitte des 19. Jahrhunderts im Laufe des Ausbaus und in den Jahren danach „mehr als 600 Arbeitsplätze“ gehabt, wie ein statistischer Vermerk festhält. Damals hatte die Stadt rund 4500 Einwohner. Es gibt noch vier historische Bahnhöfe, beziehungsweise Bahnhofsgebäude und einige aktive Haltepunkte.
Nur der im Jahr 1848 eingeweihte Hauptbahnhof ist noch ein zeitgemäßer Betrieb mit allen Angeboten und Einrichtungen. Seit 1969 ersetzt der Haltepunkt West den ehemaligen Westbahnhof. Der Bahnhof Eselsfürth wurde 1975 stillgelegt. Der Betrieb des 1880 angelegten Nordbahnhofs wurde am 29. Mai 1987 eingestellt. Derzeit wird beabsichtigt, am Gelände des Nordbahnhofs einen Haltepunkt einzurichten.
Hauptbahnhof sollte nicht im Zentrum seinAm 21. Dezember 1837 genehmigte König Ludwig von Bayern die Bildung einer Aktiengesellschaft zum Bau einer Eisenbahn, die von Bexbach bis zur Rheinschanze, der heutigen Stadt Ludwigshafen, führen sollte. Der Stadtrat beschloss, dass Kaiserslautern an die Bahn angeschlossen werden soll und dass sich die Stadt finanziell an dem Bahnbau beteiligt. Acht Jahre nach der Genehmigung legte der Stadtrat am 13. Januar 1845 fest, Bahnhof und Bahnstrecke „in der Nähe der Stadt“ errichten zu lassen. Gedacht war an einen „Südbahnhof“ in etwa einem Kilometer Entfernung von der Kerststraße, dem damaligen Stadtzentrum.
Die „Wartegebäulichkeiten“ sollten „der Bequemlichkeit wegen“ auf der Nordseite errichtet werden – also zur Stadt und nicht zu den Bahnsteigen hin. Unter anderem wurde auch über den Bahnhofsbau mitten in der Stadt bei der Fruchthalle diskutiert. Dieser Vorschlag fand keine Zustimmung: Es wäre eine völlige Um- und Neugestaltung der Innenstadt erforderlich gewesen. Auch wären die Kosten dafür nicht aufzubringen gewesen, wie Ratsprotokollen zu entnehmen ist. Für den Bahnhofsbau auf der Südseite der Stadt begannen Ende der 1830er-Jahre, auch wegen der „Zuwege“, schwierige Grundstücksverhandlungen, die sich jahrelang hinzogen.
Am 28. Februar 1845 kaufte die Eisenbahngesellschaft von der Stadt einen ersten Teil des heutigen Bahnhofsgeländes für 298 Gulden. Der Ingenieur des Bahnbaus, Paul Camille Denis, schrieb am 28. Juni 1845 an das Landeskommissariat, dass statt der in Kaiserslautern künftig zum Bahnhof führenden „Feldwege“ eine „schöne und bequeme Straße“ zwischen der Stadt und dem Bahnhof angelegt werden sollte. So entstand die Eisenbahnstraße, die sich im Laufe der Jahre zu einer beliebten Wohn- und Geschäftsstraße entwickelte. Mit Vertrag vom 24. Oktober 1845 überließ Kaiserslautern der Bahn weiteres Gelände – ein Stück Stadtwald vom Harzhübel im Südwesten bis zum Saupferchtal im Osten – für Gleisbau und Rangierbetrieb für 6218 Gulden. Kaiserslautern wurde „Eisenbahnerstadt“ mit dem Angebot Hunderter neuer Arbeitsplätze – zunächst bei der Beschaffung der Grundstücke und dann beim Bau der Bahnanlage einschließlich des Gebäudes für den Südbahnhof. „Arbeiter aus der ganzen Gegend und aus Italien“ sollen Beschäftigung gefunden haben, berichteten die Zeitungen. Der erste Lauterer Bahnhof soll ein bescheidenes Stationsgebäude gewesen sein.
Repräsentatives Haus mit „Gifthütte“Ab 1876 baute die Eisenbahn ein Haus mit einer repräsentativen Empfangshalle und einem Restaurant – den heutigen Hauptbahnhof. Der Lauterer Chronist Johann Georg Lehmann erwähnt, dass die Bahnhofsgaststätte, eine Bier-Café-Wirtschaft, den offiziellen Namen „Gifthütte“ hatte. Die Bahnhofsliteratur vermutet, dass sich dieser Name möglicherweise auf Rauch, Dampf Kohlestaub und Dunst im Eisenbahnbereich bezogen haben könnte. Der Hauptbahnhof ging am 18. Dezember 1944 bei einem Bombenangriff unter. 1958 startete der Neubau. Dieser wurde mehrfach überarbeitet, saniert und erweitert.
Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bahn für Kaiserslautern der größte Arbeitgeber – bis die Industrieunternehmen, beispielsweise Pfaff, die Gebr. Pfeiffer und die Eisenwerke ihre Betriebe aufnahmen. Bei der Bahn waren fast alle Stellen doppelt oder dreifach besetzt – die Stellwerke, die Gleisbedienungen, die Schienenwartung, die Fahrkartenschalter und die Verwaltung. Ab 23. Februar 1848 war die Strecke zwischen Homburg und Kaiserslautern befahrbar. Sie soll zuvor mehrmals mit „Probezügen“ befahren worden sein. Exakt vier Monate später besichtigte eine Bahnkommission die Strecke. Am 1. Juli 1848 wurde dann der Streckenabschnitt der Pfälzischen Ludwigsbahn von Kaiserslautern bis Homburg in Betrieb genommen.
„Der erste Zug fuhr um 9 Uhr in Kaiserslautern ab. Um 11 Uhr gab es in Homburg einen Imbiss und um 12.30 Uhr fuhr der Sonderzug nach Kaiserslautern zurück, wo gegen 3 Uhr in der Fruchthalle ein Mittagessen serviert wurde.“ Das geht aus den Unterlagen der Ludwigsbahn hervor. Stadtführer priesen „die neue Bahn“ als Ausflugsziel an. „In beträchtlicher Zahl“ sollen die Leute 1894 zum Bahnhof gekommen sein, als die erste elektrische Beleuchtung eingeschaltet wurde. Auf ebensolches Interesse sei der Ausbau des Gleissystems 1912 gestoßen, steht in einem Bericht über den Bahnbetrieb. Es gebe „einen Grund mehr“, den Bahnhof zu besuchen.
Am 5. September 1848 stand im damaligen Kaiserslauterer Wochenblatt: „Die chaussierten Wege nach dem Hauptbahnhof befinden sich im übelsten Zustand. Das können die Stadträte unmöglich auf sich beruhen lassen.“ Die anschließende veröffentlichte Antwort der Stadt lautete: „Bei der Anlage des hiesigen Bahnhofs wurde auf die Straßenverhältnisse keine Rücksicht genommen. Der Bahnhof ist von der Stadt soweit entfernt, dass davon wenig Nutzen versprochen werden kann.“ Ein Vertreter der Kommission der Ludwigsbahn berichtete am 19. Februar 1849 im Stadtrat, dass die „neugebaute Straße zum Bahnhof“, die im Jahr 1848 benannte Eisenbahnstraße, weder gepflastert noch „chaussiert“ sei. Der Stadtrat erwiderte in der gleichen Sitzung, dass die Stadt „genug Opfer für die Bahnanlage“ gebracht habe und die „Gestaltung der Zufahrtsstraße wenig Nutzen“ verspreche.
1880 ging der Nordbahnhof in BetriebAuf dem Areal des ehemaligen Nordbahnhofs soll wieder ein Haltepunkt eingerichtet werden, um den Bewohnern der nächstgelegenen Stadtteile, beispielsweise des Grübentälchens und des Umfelds der Friedenstraße, neue und schnellere Verkehrsverbindungen zu bieten. Der Bau des einstigen Bahnhofs, der Gleisanlagen und einfachster Konstruktionen aus Holz- und Backsteinen begann 1874. 1880 ging er in Betrieb. Das ebenfalls um 1880 errichtete Sandsteingebäude des Nordbahnhofs ist heute südlich der Mainzer Straße im Winkel zwischen der Nordbahn- und der Gabelsbergerstraße zu finden. Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Nordbahnhof weitgehend unbeschadet. Das Gebäude wurde zwischenzeitlich saniert und teilweise umgebaut. Es wird seit Oktober 2016 von der Lebenshilfe Westpfalz genutzt. In den 1990er-Jahren befassten sich die Bahn und die Stadt mit der Idee, einen „Haltepunkt Nord“ bei der Brücke über die Friedenstraße einzurichten. Dieser Plan wurde jedoch „aus baulichen und technischen Gründen“ nicht realisiert.
Die im Jahr 1880 eröffnete Strecke führte nach ihrer Fertigstellung von Kaiserslautern über Enkenbach nach Worms und in das Alsenztal. Bis Enkenbach wurde die Strecke schon seit 1875 bedient. Lautern hatte jetzt eine lang angestrebte Gleisverbindung zum Rhein. Als die Nordbahnstrecke bis Worms 1880 eingeweiht wurde, feierte die ganze Stadt. Mit Abfahrt des Zugs vom Hauptbahnhof um 5.30 Uhr wurden auf dem Rotenberg Böller abgeschossen. Wie in der Zeitung stand, erwartete „eine riesige Menschenmenge“ den Zug am neuen Bahnhof. Bis zum Nordbahnhof brauchte die Eisenbahn zehn Minuten. In Enkenbach stieg eine Musikkapelle zu. Der Gegenzug traf um die Mittagszeit in Lautern ein. Zum Abschluss gab es ein großes Fest in der Brauerei Bender. Ab Dezember 1916 lief in Kaiserslautern eine Straßenbahn. Um eine rasche Verbindung in das Zentrum herzustellen, richtete die Stadt am Nordbahnhof eine Haltestelle ein. Ab 9. Februar 1925 wurde der Nordbahnhof in die „Straßenbahn-Rundbahn“ ab dem Hauptbahnhof einbezogen.
