14.11.2025 - Die Rheinpfalz/br>

Ich sag’s mal so ...

Von Melanie Müller von Klingspor
Ich hab irgendwie mein Leben verloren. Also mein organisiertes Leben. Meinen Geldbeutel. Er ist weg. Und eigentlich ist die Deutsche Bahn daran schuld. Das kam so: Ich hatte das Wochenende in Osnabrück verbracht und für Montag das Rückfahrt-Ticket gebucht. Es fährt ein ICE durch bis Mannheim. Dann ein Regional Express von Mannheim nach Homburg. Dort hatte ich mein Auto abgestellt. Also nur einmal umsteigen, alles ganz einfach. Hätte es sein können.

Einen Tag vor der Rückreise bekam ich eine Mail der netten Deutschen Bahn, die sehr freute, mir ein Upgrade für die erste Klasse anbieten zu können. Für nur elf Euro. Da dachte ich mir, das probiere ich aus. Ich bin noch nie erster Klasse gefahren. Was soll ich sagen – es ist wirklich angenehm. Man hat mehr Platz, ab und an kommt ein netter Mensch und fragt, ob man einen Kaffee möchte, und legt ein kleines Tütchen Schokonüsse dazu. Und es war angenehm still, denn es war ein Ruheabteil, in dem das Telefonieren verboten ist.

Als ich einstieg, stand jemand deshalb telefonierend im Gang vor dem Abteil – und als er sich umdrehte, erkannte ich ihn: Es war Gregor Gysi. Bin ein bisschen verwirrt weiter gegangen. Aber er war es. Liebe Kinder, wenn ihr nicht mehr wisst, wer das ist: Das ist ein Politiker, der oft im Fernsehen war und dort gute Sachen gesagt hat. Warum soll er auch nicht mit der Bahn fahren? Auch Linke dürfen erster Klasse fahren. Die ganze Erste-Klasse-Bequemlichkeit fand dann aber in Köln ihr Ende, denn da wurde durchgesagt, dass leider der Triebwagen defekt sei und deshalb alle Reisenden aussteigen müssten. Man könne in einen Ersatzzug steigen. Die Platzreservierungen seien dann leider hinfällig, und da der neue Zug ja nun quasi doppelt belegt war, solle man schauen, wo man noch einen Platz fände. Na dann: Tschüss erste Klasse. Hatte ich also nur kurz am Understatement schnuppern können.

Da der neue Zug nun aber Verspätung hatte, passte der Anschluss in Mannheim nicht mehr. Die nächste Verbindung war eine mit Umstieg in Kaiserslautern und einer halben Stunde Wartezeit. Also in Kaiserslautern raus und an Gleis zwei auf den Regional Express nach Homburg gewartet.

Ich war müde und lies mich berieseln von Videos auf Instagram. Ich war mit meinen Gedanken weit weg, auf jeden Fall nicht auf dem Lauterer Bahnsteig. Von weit her drang eine Lautsprecherdurchsage an mein Ohr und mein Hirn filterte die Worte „RE nach Homburg heute ausnahmsweise Abfahrt an Gleis drei.“ Ich drehte mich etwas perplex um zu Gleis drei – und da fuhr er auch schon davon, mein Anschluss-Zug. Nächste Verbindung wieder eine halbe Stunde Wartezeit. Da beschloss ich, auf die Toilette zu gehen. Geldbeutel raus, einen Euro in das Sanifair-Drehkreuz geworfen. Aufs Klo gegangen. Zurück auf den Bahnsteig. Zug genommen.

Zu Hause stellte ich fest: Der Geldbeutel fehlt. Panisch minutenlang die Wohnung durchsucht, während mir allmählich dämmerte, dass ich ihn eigentlich nur entweder in der Bahnhofstoilette vergessen haben könnte, weil ich ihn da ja noch in der Hand hatte wegen des Euro. Oder ich wollte ihn mir am Bahnsteig in die Handtasche stecken und hab ihn daneben fallen lassen und das nicht bemerkt, weil ich ja auch noch eine große Gepäcktasche und den Koffer dabei hatte.

Alles weg: EC-Karte, Kreditkarte, Personalausweis, Krankenkassenkarte, Führerschein … Zuhause keinen einzigen Euro Bargeld. Und ich kann ja auch keins abheben, weil, die Karte ist ja weg. Das fühlt sich an, als hätte man irgendwie sein Leben verloren. Ich kann nicht einkaufen, nicht tanken, nicht zum Arzt gehen, eigentlich auch nicht Auto fahren ohne Führerschein. Im Münzfach hatte ich immer einen Ring aus einer zerbrochenen Beziehung dabei, an der mir viel lag, außerdem diverse Zettel mit PINs und auch mit kleinen Notizen, Visitenkarten von wichtigen Kontakten, ein Gebet, das ich immer gelesen habe, wenn ich mich daran erinnern wollte, dass ich nicht alleine bin … Alles verschwunden.

Wäre der Triebwagen nicht kaputt gewesen, hätte ich nicht umsteigen müssen, hätte ich mir keine neue Verbindung suchen müssen, hätte in Kaiserslautern überhaupt nicht aussteigen müssen, hätte also auch nicht verpennt, dass der doofe Anschlusszug an einem anderen Gleis abfuhr, als es angezeigt war, hätte dann auch nicht vor Kälte und Langeweile das blöde Klo besucht und dann also auch dort nicht meinen Geldbeutel vergessen.

Thank you for travelling with Deutsche Bahn. Im Grunde seid ihr schuld an meiner Misere! Für den Huddel, den ich jetzt habe, müsstet ihr mich die nächsten Jahre ziemlich viel in der ersten Klasse reisen lassen. Mit kostenlosem Upgrade. Ich hoffe, ihr lest das, und es tut euch richtig leid!