08.01.2026 - Die Rheinpfalz -

Wenn der Bus zum persönlichen Taxi wird

Ein Bus, der ähnlich eines Taxis auf Bestellung zu denen kommt, die ihn brauchen – für den man aber nur die üblichen Bustarife zahlt. Wie das funktioniert, kann man in Blieskastel erleben. Das Projekt hat viele Vorteile. Eine KI hilft.
Von Patrick Göbel

Blieskastel/Gersheim. Wer auf die „Öffis“, also Bus und Bahn, angewiesen ist, hat oft ein Problem: Gerade in ländlichen Gebieten, wie in einigen Blieskasteler Gegenden, sieht es mit der Busverbindung düster aus. Ein Lichtblick wartet seit dem 1. Januar mit dem neuen Projekt „Flitsaar“ auf all diejenigen, die auf den Bus angewiesen sind. Warum „Flitsaar“ ausgesprochen wie „Flitzer“ klingt? Weil es genau dem Prinzip der besonderen Busse entspricht.

Vor allem aus den Blieskasteler Stadtteilen Böckweiler, Altheim, Brenschelbach, Riesweiler und Pinningen kommt man mit dem Bus nur schwer in den Stadtkern, oder zu den anderen Ortschaften. Um das zu ändern, hat sich der Saarpfalz-Kreis etwas ausgedacht: Ein Kleinbus, der keine feste Route hat, sondern nur auf Bestellung zu denen kommt, die ihn buchen. Man kann ihn per App, per Telefon oder auf der „Flitsaar“-Internetseite buchen – auch schon zwei Wochen im Voraus, oder eben erst dann, wenn man ihn braucht.

Innerhalb von 20 Minuten sind die Busse, die auch in Teilen der Gemeinde Gersheim eingesetzt werden, dann bei den Fahrgästen, sagt Maurice Eickhoff, Mobilitätsmanager im Kreis. Der Clou: Man wird quasi chauffiert wie im Taxi, zahlt aber nur den üblichen Tarif, der auch für eine „normale“ Fahrt mit dem Linienbus anfallen würde. Sämtliche Tickets des saarländischen Verkehrsverbundes (SaarVV) im Flitsaar-Gebiet würden anerkannt. Wer das Deutschlandticket hat, fährt kostenlos mit.

Maximal 300 Meter bis zum nächsten Haltepunkt

Einsteigen kann man an den Bushaltestellen, die es in den Orten schon gibt. Es gibt aber auch „virtuelle Haltestellen“, erklärt Eickhoff. „Das sind zusätzliche Haltepunkte, die das Haltestellennetz verdichten. Wir haben das so gelegt, dass man in jeder Ortschaft maximal 300 Meter Fußweg zur nächsten Haltestelle hat.“ Wo diese zusätzlichen Haltepunkte sind, sieht man in der App oder auf der Flitsaar-Website.

Obwohl sie gerade mal seit einer Woche in Blieskastel und Gersheim eingesetzt werden, sind die „Flitsaars“ bereits 70 Mal bestellt worden, teilt uns eine Kreissprecherin mit. 14 Personen können in einem der Kleinbusse Platz nehmen – rechnet man Stehplätze dazu, können 25 „Flitsaar“-Besteller in einen Bus. Wer im Rollstuhl sitzt oder auf einen Rollator angewiesen ist, kann das bei der Bestellung angeben – dann werde ein entsprechend barrierefreies Fahrzeug geschickt. An den Hauptverkehrszeiten – montags bis freitags fahren die Busse zwischen 5.30 und 20 Uhr – werden, wenn es nötig ist, zwei Busse eingesetzt. Nachmittags, wenn die meisten Leute bestellen, werden auf jeden Fall zwei „Flitsaars“ bereitstehen, meint Eickhoff. Auch an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen kann man die Busse ordern – dann in der Zeit von 7 bis 20 Uhr.

In Spiesen-Elversberg im Landkreis Neunkirchen und in St. Wendel werden solche Rufbusse schon eingesetzt – dort gebe es fast keine Leerlaufzeiten mehr. Dass die Busse permanent fahren und Leute befördern, wünschen sich die Initiatoren für Mitte beziehungsweise Ende des Jahres.

Ziel sei es gewesen, älteren Menschen zu ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Mittlerweile nähmen auch immer mehr Jugendliche die Flitsaar-Busse in Anspruch.

Nur mit einer Person sollen die Busse selten fahren, erzählt Maurice Eickhoff. Denn eine KI (Künstliche Intelligenz) registriert die Buchung „und schaut automatisch, mit welchen Fahrten das Ganze kombinierbar ist“. So sollen möglichst viele Leute mitgenommen werden – und zwar so, dass die Busbesteller nicht länger als 20 Minuten auf ihren Bus warten müssten, und der Bus keinen langen Umweg fahren muss. Eigentlich starten die Busse von Niederwürzbach aus. Mit der KI-Errechnung kann man sie aber auch woanders positionieren – „da, wo der Erfahrung nach die nächste Buchung kommen wird“.

Am Ende haben Fahrgäste, Busfahrer und der Kreis was davon: Wegen der „kleinen und sehr verteilten Ortschaften“ in Blieskastel und Gersheim haben die Linienbusse laut Eickhoff oft lange Fahrtzeiten zu den Haltestellen. „Auch die Anschlüsse an die weiterführenden Verbindungen waren schwierig.“ Die Folge: Lange Wartezeiten für die Fahrgäste. „Durch den neuen Verkehr können wir das Ganze viel flexibler gestalten. Und die Leute können sich auch, wenn sie einen speziellen weiterführenden Anschluss brauchen, eine feste Uhrzeit als Ankunftszeit buchen – dass sie dann genau zur richtigen Zeit bei der Abfahrt des Busses vor Ort sind.“ Auch einen Anschluss an den Bahnhof in Lautzkirchen gibt es.

„Flitsaars“ demnächst auch in Einöd?

Gefördert wird das vom Saarpfalz-Kreis initiierte Projekt für drei Jahre mit einer halben Million Euro vom Land. Ausgeschrieben sei das Projekt auf zehn Jahre. Wenn die Förderung endet, finanziert der Kreis die Flitsaars – abzüglich der Einnahmen der Busse, die auch der Kreis bekommt.

Es könnte auch sein, dass die Busse irgendwann in anderen Gebieten im Saarpfalz-Kreis unterwegs sein werden – etwa in Einöd, „alles, was oberhalb auf dem Berg liegt“. In Homburg selbst mache das Ganze wenig Sinn, meint Eickhoff – da seien schon viele Linienbusse im Einsatz. Konkurrenz wolle man dem regulären ÖPNV mit seinen Buslinien durch die Bestellbusse nicht machen, betont Eickhoff. Dort, wo sowieso schon viele Leute mit den Buslinien fahren, sollen deshalb nicht noch zusätzlich die „Flitsaars“ eingesetzt werden. Aber: Orte, die eher am Rand liegen und eben nicht oft von Linienbussen angefahren werden, könnten in den nächsten Jahren an die Flitsaar-Routen angegliedert werden – „je nachdem, wie sich die Nachfrage in den Fahrzeugen entwickelt“. Auch, wo nicht viele Leute mitfahren, können die Busse eingesetzt werden.

Jetzt ist erstmal die Devise: Ausprobieren, wie das Ganze genutzt wird. Wenn sich die „Flitsaars“ etabliert haben, gebe es die Möglichkeit, mehr Busse zu beschaffen oder die Fahrzeiten auszudehnen. Bei einigen ist die Freude über die „Flitsaars“ schon jetzt groß: „Die Eltern haben schon gesagt, sie freuen sich riesig, dass es das Angebot gibt“, sagt Eickhoff.

Info
Buchen kann man die Flitsaars über die App (erhältlich im Google Play Store oder Apple App Store), über die Website flitsaar.de, oder per Telefon unter 06841 1047252. Fahrräder können mitgenommen werden.


flitsaar.de