28.06.2023 - Die Rheinpfalz -

Landbewohner-Logistik: Mit dem Rad, mit dem Zug, mit dem Auto, mit dem Bus

Eine Familie, fünf Ziele – so könnte man die Situation bei den Semars aus Rieschweiler-Mühlbach bezeichnen. Mit verschiedenen Fahrzeugen brechen sie morgens in verschiedene Richtungen auf und liefern so ein Beispiel dafür, wie das so ist mit der viel diskutierten Mobilität auf dem Land.
Von Sigrid Sebald

Die Semars, das sind Vater Norbert (57), Mutter Antje (47), Sohn Philippe (22), Tochter Theresa (20) und der jüngste Sohn Paul (14). Ein Verkehrsmittel müssen sie nicht mehr in Anspruch nehmen: den Bus. Als die Kinder noch in den Kindergarten und die Grundschule gingen, war das anders, „da mussten wir morgens auch gucken, dass sie den Bus nicht verpassen“, erinnert sich Norbert Semar, Rechtspfleger im IT-Bereich am Oberlandesgericht. Dass die Kinder nun größer sind und sich selbst organisieren, mache vieles einfacher.

Theresa Semar studiert in Bonn. Zum Hin- und Herfahren zwischen Uni und Rieschweiler-Mühlbach, und nicht nur dafür, benutzt sie das Deutschlandticket der Bahn, „davon ist sie ganz begeistert“, weiß ihr Vater, und auch er findet: „Das ist eine gute Sache.“ Der 22-jährige Philippe wohnt noch zu Hause. Nachdem er ein Handwerk erlernt hat, will er jetzt die Fachhochschulreife erlangen und danach studieren. Bleiben also vier Semars, die montags bis freitags morgens in Rieschweiler-Mühlbach aufbrechen.

Bei Wind und Wetter auf dem RadNorbert Semar legt den Weg zu seinem Arbeitsplatz im Zweibrücker Schloss mit dem Fahrrad zurück, bei Wind und Wetter, seit 15 Jahren, wie er sagt. Als er vor 21 Jahren nach Zweibrücken versetzt wurde, sei gerade die Aktion „Autofasten“ der Bistümer gelaufen, und da wollten die Semars mitmachen. Für sechs Wochen gab es ein VRN-Ticket zum günstigen Preis, „und es war ein Abenteuer, so eins zu bekommen, wir mussten da noch in die Zweibrücker Schlachthofstraße zu den Verkehrsbetrieben“, aber es habe funktioniert, und so habe man versucht, per ÖPNV und Fahrrad vorwärts zu kommen. „Da habe ich festgestellt, dass das ja gar nicht so schwierig ist und auch gar nicht lange dauert, von Rieschweiler-Mühlbach nach Zweibrücken zu radeln“, sagt Norbert Semar. Das Fahrrad sei auch nach dem Autofasten das Verkehrsmittel seiner Wahl geblieben, seit die Familie 2006 in die Schwarzbach-Gemeinde zog. Inzwischen hat der 57-Jährige mehrere Räder, darunter ein sehr altes, das er sich mit 20 gekauft hat, ein Mountainbike, ein Tourenrad, Rennräder von früher, mit Gepäcktaschen „und allem drum und dran“, wie er sagt. Wann immer es geht, steige er aufs Fahrrad.

Ohne drei Autos geht es trotzdem nicht Manchmal geht es aber auch nicht, etwa wenn er nach der Arbeit noch Anschlusstermine hat. Und was ist dann? „Dann nehme ich eins unserer drei Autos“, sagt Semar, und: „Wir sind ja keine Hardcore-Fahrradfamilie.“ Er selbst habe einen VW-Bus T6, Baujahr 2015, den habe er sich gekauft, weil er als Segelflug-Sportpilot der Pottschütthöhe Stauraum für die Ausrüstung brauchte. Meist werde der Bus aber tatsächlich nur für diesen Zweck verwendet, das erkenne man auch daran, dass er erst 55.000 Kilometer auf dem Buckel habe.

Antje Semar ist Rechtspflegerin allerdings nicht in Zweibrücken, sondern bei der Staatsanwaltschaft Saarbrücken. Zweimal die Woche arbeitet sie von Zuhause aus, an den anderen Tagen fährt sie mit ihrem E-Auto. Geladen wird dieses über die Photovoltaik-Anlage der Semars, „das ist ganz angenehm bei den derzeitigen Strompreisen“, so Norbert Semar. Gerne, sagt er, würde seine Frau künftig ab und zu mit dem Zug fahren. Das Deutschlandticket mache das günstiger, aber sie brauche einiges mehr an Zeit, da sie die zweieinhalb Kilometer vom Hauptbahnhof zur Staatsanwaltschaft überbrücken muss. So fahrradbegeistert wie er sei sonst keiner in der Familie, meint Norbert Semar. Der 14-jährige Paul, der das Zweibrücker Helmholtz-Gymnasium besucht, könnte theoretisch morgens zusammen mit seinem Vater radeln. Er fahre aber lieber mit dem Zug. Während Philippe, der jeden Morgen nach Kaiserslautern muss, mit seinem Auto fährt, einem Ford B Max. Er würde lieber Zug fahren, macht es aber wegen der schlechten Verbindung nach Kaiserslautern nicht: Eine Fahrt dauert eineinhalb Stunden, und man muss auf der Biebermühle umsteigen, mit 35 Minuten Aufenthalt.

Das Radeln kostet am wenigstenMit ihren Transportmitteln seien derzeit alle ganz zufrieden, sagt Norbert Semar. Seine Frau starte morgens um 5 Uhr als erste ihr E-Auto, um 6.15 Uhr setze sich Philippe in den B Max, um 6.30 Uhr macht Paul sich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof auf, und sein Vater steigt aufs Fahrrad. Das Radfahren koste am wenigsten, etwa 50 Euro im Jahr, „aber ich mache das nicht wegen des Geldes“. Am zweitbilligsten sei das Zugfahren, dann komme das E-Auto. „Am meisten kosten die paar Kilometer mit dem VW-Bus“, räumt der Hobbypilot ein. Aber er denke nicht dogmatisch, sondern praktisch. Und: „Ganz ohne Auto hat man’s auf dem Land echt schwer.“ Er fahre gerne Rad, aber ein Lastenrad zum Beispiel wolle er nicht.

„Wir kriegens’s im Moment alle ganz gut auf die Reihe mit der Logistik und der Mobilität“, fasst Norbert Semar zusammen. Mit etwas Nachdenken und Organisation komme man auch auf dem Land klar, auch wenn alle morgens woanders hin müssen. Wenn er sich aber etwas wünschen könnte, sagt er, wären es bessere Zugverbindungen und bessere Radwege.


Siehe auch "Haltepunkt Zweibrücken-Rosengarten" / "Bilder und Umgebung" / "Noch ein Vorschlag: Stützwand der L 471 begrünen oder bemalen"