13.08.2026 - Die Rheinpfalz
Sanierung ja, aber kundenverträglich
Bahn-Chefin Evelyn Palla will Plan für Generalsanierungen überdenken Von Jonathan Lindenmaier, Berlin
Strecken für Sanierungen ganz sperren, statt im laufenden Betrieb zu erneuern: Die DB-Chefin will die Generalsanierungen überdenken. Aber was heißt das jetzt für die Bahnkunden?
Es gibt so Ideen, da will jemand plötzlich alles neu und radikal anders machen, dass man sich fragt, warum niemand vorher darauf gekommen ist. Und es gibt Ideen, bei denen genau diese Frage die Antwort schon enthält: Vielleicht hat man es bisher anders gemacht, weil es dafür gute Gründe gab.
Die General- beziehungsweise Korridorsanierungen bei der Deutschen Bahn ist eine dieser beiden Ideen – nur welche, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. „Wir flicken jetzt nicht mehr, sondern sperren und erneuern einmal alles“, erklärte der Ampel-Verkehrsminister Volker Wissing (früher FDP, inzwischen parteilos) damals seinen Plan. Heißt: Bahnstrecken sollten nicht wie international und auch bisher in Deutschland üblich schrittweise während des Betriebs erneuert, sondern gesperrt und dann in einem Anlauf ganz saniert werden. Das war tatsächlich einigermaßen radikal.
Inzwischen kommt man von diesem Weg wieder ab, auch wenn die DB ihn nicht komplett aufgibt. Das Konzept soll aber aufgeweicht werden. Das Ziel: Fristen einhalten, Kosten sparen und die Sanierungen etwas kundenverträglicher gestalten.
In den kommenden Wochen will die Bahn einen Plan vorlegen. Der wird im Moment ausgearbeitet. Dass die Idee der Korridorsanierungen überarbeitet werden soll, das hatte Bahnchefin Evelyn Palla schon im Juli angekündigt. Erste Eckpunkte stehen jetzt fest. Die Anzahl der Projekte könnte nochmal überdacht werden, weniger Sanierungen in kurzer Zeit. Damit soll auch verhindert werden, dass der Rest des Netzes überlastet wird. Außerdem will man sich auf die für die Kunden wichtigsten Strecken konzentrieren. Also in erster Linie dort sanieren, wo man den größten Effekt für die Zuverlässigkeit erzielen kann. Überlegt wird auch, Strecken schrittweise zu öffnen, statt in einem Anlauf. Andererseits könnte das bedeuten, dass man bestimmte Abschnitte länger gesperrt hält, wenn dort noch Arbeiten nötig sind.
Der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) begrüßt die Vorschläge. „Wir haben im Koalitionsvertrag schon vereinbart, dass wir uns die Strategie der Korridorsanierung genau ansehen wollen“, sagte er am Mittwoch. „Aus meiner Sicht gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf bei Abläufen und Ergebnissen der Korridorsanierungen.“ Daher sei es gut und richtig, „dass sich die Bahn und Frau Palla dazu Gedanken machen. Nach der Sanierung einer Strecke muss diese messbar besser funktionieren als vorher und es darf nicht kurzfristig zu erneuten Baumaßnahmen kommen.“
Was das nun für die Kunden bedeutet, da will man sich noch nicht festlegen. Zu unkonkret sind die Pläne noch. Sollte tatsächlich stärker priorisiert werden, hieße das wohl erstmal weniger Vollsperrungen auf den deutschen Bahnstrecken. Schrittweise Öffnungen können dazu führen, dass zumindest Teile der Strecken befahrbar bleiben – ein Fortschritt vor allem für diejenigen, die nicht den Endbahnhof ansteuern. Kommen tatsächlich aber strengere Abnahmen, um zu verhindern, dass Strecken halbfertig freigegeben werden wie etwa zwischen Hamburg und Berlin, müssen einige wohl mehr Geduld mitbringen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Bahn das Konzept aufweicht. Schon im vergangenen Jahr einigte man sich darauf, die Sanierungen bis 2036 durchzuführen. Nicht wie zunächst angedacht bis 2030. Damit wollte man dafür sorgen, dass das Netz nicht zu sehr überlastet wird.
Die jüngsten Anpassungen sind auch nötig geworden, weil die Bahn bei bisherigen Bauprojekten ihre Ziele nicht einhalten konnte. Die Sanierung der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim war nicht nur deutlich teurer als geplant – dabei war der Kostenfaktor ein Argument für die Vollsperrung, auch das ursprünglich gesetzte Ziel, die Anzahl der Störungen um 80 Prozent zu reduzieren, hat man nicht erreicht. Die Strecke zwischen Hamburg und Berlin wurde kürzlich erst geöffnet. Im Moment verkehren die meisten Züge auf der Strecke aber mit Verspätung. Außerdem sind weitere Arbeiten notwendig. In der Nacht sind dafür weitere Sperrungen geplant.
Eine Rolle beim Umdenken könnte auch der Regierungswechsel gespielt haben. Bei CDU und CSU sah man das Projekt ohnehin kritisch. Erdacht wurde es vor allem von Ex-Verkehrsminister Volker Wissing und Ex-Bahnchef Richard Lutz.