20.03.2025 - Die Rheinpfalz -
Lebensgefahr Oberleitung: „Das 65-Fache der Steckdose“
Ein 14-Jähriger klettert auf einen abgestellten Güterzug und stirbt an einem Stromschlag – Was Bahnstrom so gefährlich macht
Kaiserslautern/Guntersblum. Auf einen Zug aufspringen oder auf einen geparkten Bahnwaggon klettern – das ist immer lebensgefährlich, warnt die Bundespolizei in Kaiserslautern wenige Tage nach dem tödlichen Unfall im Landkreis Mainz-Bingen.
Denn dort oben kommen Abenteuerlustige gefährlich nahe an die Oberleitung, durch die 15.000 Volt fließen. „Das ist das 65-Fache einer Steckdose zu Hause“, sagte ein Sprecher der Bundespolizeiinspektion in Kaiserslautern. „Auch, wenn ich die Oberleitung nicht berühre: Ab 1,5 Metern besteht die Gefahr eines Stromüberschlags.“ Denn der Strom sei in der Lage, die Luft zwischen Leitung und Mensch zu überbrücken. Dann fließe der Strom durch den Körper, der schließlich zum Großteil aus Wasser bestehe. Die Folge können erhebliche Verletzungen sein. „Deswegen hängen die Oberleitungen ja auch so hoch“, erklärt der Sprecher.
Immer wieder Tote Vom Dach eines Zugwaggons seien die Stromleitungen dann aber doch deutlich weniger weit weg als erwartet. Und wenn man es dann nach oben geschafft hat? „Unter Umständen fährt ein Zug vorbei“, sagte der Sprecher. „Dann entsteht eine Sogwirkung, die mich vielleicht mitzieht.“
Am vergangenen Samstag hatte ein 14-Jähriger in der Gemeinde Guntersblum im Kreis Mainz-Bingen einen tödlichen Stromschlag erlitten, nachdem er auf einen abgestellten Güterzug geklettert war. Er sei wohl aus Versehen an die Oberleitung gekommen, hieß es seitens der Polizei. Bundesweit gibt es immer wieder ähnliche Fälle. So ereigneten sich 14 Unfälle allein zwischen Januar und Oktober des vergangenen Jahres – vier davon endeten tödlich. Die Betroffenen seien nicht nur Jugendliche, sondern auch Kinder und Erwachsene.
Außer dem Klettern komme manchmal das sogenannte Bahn-Surfen, also das unberechtigte oder waghalsige Mitfahren auf oder an Zügen, als weitere Gefahrenquelle ins Spiel. Vor eineinhalb Wochen hat sich damit am Bahnhof in Wittlich im nördlichen Rheinland-Pfalz ein 14-Jähriger in Gefahr gebracht: Er sprang auf einen Güterzug auf und kurz danach wieder ab – wohl wegen einer Wette.
Die Bundespolizei sei davon überzeugt: Wüssten die Menschen von der Gefahr, auf die sie sich mit solchen Aktionen einlassen, würden sie es nicht tun. Das Problem: „Viele Gefahren im Bahnverkehr sind nicht sichtbar“, warnt der Sprecher. „Den Strom sehe ich nicht. Den Zug, der um die Ecke kommt, den höre ich nicht.“ Dass so ein kurzes Abenteuer oder ein Spiel mit dem Tod enden können, unterschätzen demnach aber viele. lrs