02.11.2024 - Die Rheinpfalz -

Pfälzer Akku-Züge lassen auf sich warten

Bei der Ablösung von Dieselfahrzeugen im Pfälzer Bahnverkehr sind weitere Verzögerungen absehbar. Immerhin wird der Einsatz neuer Akku-Hybrid-Triebwagen wohl tatsächlich im Dezember 2025 zwischen Neustadt und Karlsruhe beginnen. Froh können Pfälzer Bahnfahrgäste darüber sein, dass ihnen das Abenteuer Wasserstoff erspart bleibt.
Von Eckhard Buddruss

44 Akku-Hybridtriebwagen hat die Deutsche Bahn (DB) beim Zughersteller Stadler bestellt. Sie sollen einen großen Teil der heute auf den Regionalstrecken in der Südpfalz und der Westpfalz eingesetzter Dieseltriebwagen ablösen. Auf elektrifizierten Abschnitten können sie Strom aus der Oberleitung ziehen, auf nicht elektrifizierten Strecken aus einem Akku.

Ein Prototyp des Flirt Akku war im September 2022 beim Jubiläum „175 Jahre Eisenbahn in Rheinland-Pfalz“ in der Pfalz zu sehen. Inzwischen sind die ersten Serienfahrzeuge des Flirt Akku in Schleswig-Holstein im Einsatz. Dabei gab es einige Verzögerungen und Komplikationen, allerdings deutlich weniger als 2022/23 bei der Aufnahme des Betriebs mit Wasserstoffzügen im hessischen Taunusnetz. Die in Schleswig-Holstein eingesetzten Flirt Akku sind kleiner als die Variante, die für den Einsatz im Pfalznetz vorgesehen ist.

Ein erstes Exemplar der Pfalznetz-Version wurde im September auf der Fachmesse Innotrans in Berlin ausgestellt. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2025 sollen die Fahrzeuge auf zwei Linien (Regional-Express und Regionalbahn) von Neustadt über Landau nach Karlsruhe die dort heute eingesetzten Dieseltriebwagen ablösen. Für den Start eignen sich diese beiden Linien besonders gut, weil Anfangs- und Endbahnhof elektrifiziert sind und lediglich eine Lücke von 44 Kilometern ohne Fahrleitung zwischen Neustadt und Wörth überbrückt werden muss, die die neuen Akku-Triebwagen ohne Zwischenaufladung zurücklegen können. Aufgeladen werden kann der Akku dann während der Wendezeit an den Endbahnhöfen.

Dieseltriebzüge werden nach und nach abgelöst

Der einige Zeit ebenfalls für Ende 2025 geplante Start auf der Regionalbahn-Linie von Pirmasens über Zweibrücken nach Saarbrücken ist laut dem aktuellen Terminplan des für den regionalen Bahnverkehr in der Pfalz zuständigen Zweckverbands nun für Frühjahr 2026 vorgesehen.

Ab Ende 2026 sollen die neuen Akkufahrzeuge auch auf den Strecken von Kaiserslautern nach Pirmasens, Kusel und Lauterecken fahren, ab Ende 2028 auch auf der Linie von Landau über Annweiler nach Pirmasens. Als letzte Linie in der Südpfalz soll ab Ende 2029 die kurze Strecke von Winden nach Bad Bergzabern folgen.

Länger als zunächst vorgesehen werden Dieseltriebwagen der Baureihe 643 auch auf den Linien von Neustadt nach Weißenburg und von Wörth nach Lauterbourg fahren. Hier sollen für den grenzüberschreitenden Einsatz ausgerüstete Fahrzeuge des französischen Typs Régiolis die aktuell eingesetzten Dieselfahrzeuge ablösen. Bei der komplexen Ausschreibung des Betriebs auf den insgesamt sieben deutsch-französischen Linien gibt es jedoch Verzögerungen. Das zeitweise ins Auge gefasste Vorhaben, die neuen Régiolis-Triebwagen übergangsweise von den derzeit tätigen Unternehmen DB und SNCF einsetzen zu lassen, wird in der Pfalz derzeit nicht weiterverfolgt. Der Hauptgrund für die Verzögerungen beim Einsatz der Flirt-Akkutriebwagen ist die bisher fehlende Ladeinfrastruktur. Für die vorgesehenen Oberleitungsinseln in Landau, Winden, Kusel, Lauterecken und Pirmasens Nord sowie auf einem rund drei Kilometer langen Abschnitt der Strecke zwischen Pirmasens Nord und Pirmasens Hauptbahnhof werden Mittel aus einem Förderprogramm des Bundes gebraucht. Wie berichtet, sieht sich die rheinland-pfälzische Landesregierung angesichts der schwierigen Haushaltslage nicht imstande, die nötigen Beträge vorzufinanzieren. Deshalb muss auf die Bewilligung der Bundesmittel gewartet werden.

In der Phase, in der die Fahrzeuge voraussichtlich zur Verfügung stehen, die Ladeinfrastruktur aber noch nicht bereit ist, soll mit einer provisorischen Lösung der Betrieb auf den drei Westpfalz-Linien von Kaiserslautern nach Pirmasens, Kusel und Lauterecken aufgenommen werden. Dabei kommt ein Verfahren zur Anwendung, das im Fachjargon „überschlagene Wende“ genannt wird. Dabei entstehen längere Wendezeiten an den Endbahnhöfen und es werden deshalb zusätzliche Fahrzeuge gebraucht. Voraussichtlich ab Ende 2029 werden dann jährlich rund 4,6 Millionen Zugkilometer mit den Akku-Hybrid-Triebwagen gefahren.

Wasserstoff-Debakel im Taunus geht in neue Runde Während sich der Betrieb mit den Akku-Triebwagen in Schleswig-Holstein nach anfänglichen Problemen inzwischen weitgehend eingespielt hat, gab es kürzlich neue Hiobsbotschaften im hessischen Taunusnetz. 2022 hatte der Rhein-Main Verkehrsverbund (RMV) stolz verkündet, dass hier die „größte Wasserstoffzugflotte der Welt“ zum Einsatz komme. Die Aufnahme des Betriebs zum Fahrplanwechsel im Dezember 2022 wurde dann zu einem beispiellosen Desaster, weil nur ein Teil der bestellten Fahrzeuge termingerecht geliefert wurde und die meist noch mit gravierenden Mängeln. Die hier zuvor eingesetzten Dieseltriebwagen standen nicht mehr zur Verfügung.

Theoretisch war Alstom als Hersteller der als I-Lint bezeichneten Wasserstofftriebwagen verpflichtet, Ersatzfahrzeuge zu stellen. Das war vor allem auf der Strecke von Friedrichsdorf über Usingen nach Brandoberndorf schwierig, weil deren 96 Zentimeter hohe Bahnsteige einen großen Teil der in Deutschland eingesetzten Dieseltriebwagen ausschließt. Die in Frage kommende Baureihe 644 aus dem Dieselnetz Köln galt sowieso als besonders schwierig. Hinzu kam, dass es in Hessen nirgendwo das nötige Werkstatt-Know-how für diese Baureihe gab. Dies alles sorgte im Fahrplanjahr 2023 für monatelanges Chaos.

Nachdem sich der Betrieb auf der Strecke, die in den Jahrzehnten zuvor einen spektakulären Aufschwung genommen hatte und auch überregional als Vorzeigeprojekt galt, im Laufe des Jahres 2024 einige Zeit lang stabilisiert zu haben schien, spitzte sich die Situation im September vor allem durch Schäden an Brennstoffzellen (dem technischen Herz der Wasserstoffzüge) erneut dramatisch zu. Weil ein großer Teil der I-Lint-Flotte ausfiel, gab es einen Busnotverkehr. Derzeit gilt nach einer Streckensperrung wegen Bauarbeiten im Oktober zunächst bis zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember ein stark ausgedünnter Notfahrplan.

Kommentar
Fortschritt besser in Etappen

Von Eckhard Buddruss

Neue Bahnfahrzeugtypen machen oft Probleme. In der Pfalz sieht es derzeit für die Akku-Triebwagen aber noch vergleichsweise gut aus. Wenn ein neuer Bahnfahrzeugtyp an den Start geht, sind Komplikationen inzwischen leider eher die Regel als die Ausnahme. Das galt auch beim Einsatz der ersten Flirt Akku in Schleswig-Holstein. Allerdings waren die Probleme lange nicht so schlimm wie beim Desaster mit dem Alstom-Wasserstoffzug I-Lint im hessischen Taunusnetz. Dabei gebietet die Fairness klarzustellen, dass dort nicht nur die mängelbehafteten Wasserstoffzüge das Problem waren, sondern auch der gleichzeitige Wechsel zu einem neuen Betreiber, der den Verkehr ohne eine Bestandsflotte als Rückfallebene aufnehmen musste. Die neuerlichen massiven Probleme mit dem I-Lint dürften für potenzielle Kunden nun einen weiter verschärften Abschreckungseffekt haben.

Es war gut, dass sich die Verantwortlichen in der Pfalz – gestützt auf das überzeugende Gutachten eines Experten der TU Dresden – nicht auf das Abenteuer Wasserstoff eingelassen haben, obwohl es eine starke Lobby dafür gab. Trotz der Verzögerungen im Pfalznetz sind die Perspektiven hier mittelfristig vergleichsweise gut. Auch wenn die hier vorgesehene Version des Flirt Akku etwas anders als die in Schleswig-Holstein eingesetzte Variante ist, besteht Anlass zur Hoffnung, dass die Akku-Hybrid-Technik von Stadler bis zur Einführung in der Pfalz einige Kinderkrankheiten überwunden hat. Vor allem aber kann die Ablösung der heute eingesetzten Dieseltriebwagen in der Pfalz schrittweise erfolgen und es gibt keinen Wechsel zu einem neuen Betreiber, der plötzlich ohne betriebsbereite Fahrzeuge dastehen könnte. Das erhöht die Chancen, dass der erfreuliche Wechsel zu einer fortschrittlichen und umweltschonenderen Fahrzeugtechnik nicht durch ähnliches Chaos wie im Taunus überschattet wird.