06.07.2019
Die Rheinpfalz

Konzept für Bahn-Elektrifizierung gefordert

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CDU/CSU und SPD im Bundestag wollen „höchste Priorität“ für Schiene – Auch die Grünen stimmen zu
Von Eckhard Buddruss

Berlin/Ludwigshafen. Ein Antrag von CDU/CSU und SPD, dem im Bundestag kürzlich auch die Grünen zugestimmt haben, fordert die Bundesregierung auf, „baldmöglichst ein Konzept vorzulegen, um den Anteil der elektrifizierten Strecken im deutschen Schienennetz von derzeit knapp 60 auf 70 Prozent bis 2025 anzuheben.“ Als Kandidat für ein angekündigtes Elektrifizierungsprogramm gilt in der Pfalz vor allem die Strecke von Neustadt über Landau nach Wörth.

Die Forderung nach einem Konzept für die Streckenelektrifizierung ist nur einer von diversen Punkten, die in dem Antrag „Der Schiene höchste Priorität einräumen“ von CDU/CSU und SPD aufgeführt werden. Darin heißt es unter anderem: „Die Eisenbahn ist im Personen- und Güterverkehr besonders energieeffizient und deshalb unverzichtbar für die Einhaltung von Klimaschutzzielen im Verkehrsbereich. Darüber hinaus fährt die Bahn schon heute über 90 Prozent ihrer Transportleistung elektrisch. Rund 57 Prozent des Bahnstroms in Deutschland wurden 2018 aus erneuerbaren Energien erzeugt. Dieser Anteil soll und wird mit dem Angebot erneuerbarer Energien weiter wachsen. Der Schiene kommt also in der Mobilitätswende eine zentrale und entscheidende Rolle zu. Deshalb muss dem System Schiene zur Erreichung unserer Klimaziele höchste Priorität eingeräumt werden. Investitionen in die Schiene sind auch notwendig, um unserer völkerrechtlich eingegangenen Verpflichtung, CO2-Emissionen zu reduzieren, nachzukommen.“

Bisher wenig Mittel im Haushalt Das in der Koalitionsvereinbarung verankerte Vorhaben, den Schienenverkehr deutlich zu stärken, schlägt sich bisher allerdings kaum in der Finanzplanung nieder. Für das Bahn-Elektrifizierungsprogramm sind beispielsweise im Haushalt 2019 nur 5 Millionen Euro eingeplant und für die Jahre 2019 bis 2022 zusammen lediglich 75 Millionen Euro. Ungewiss sind daher auch die Perspektiven für die Elektrifizierung der Strecke von Neustadt über Landau nach Wörth.

Der für den regionalen Schienenverkehr in der Pfalz zuständige Zweckverband hat, wie berichtet, eine Vorentscheidung getroffen, dass auf den meisten heute in der West- und Südpfalz mit Dieseltriebwagen befahrenen Linien ab Ende 2024 Akku-Hybrid-Fahrzeuge zum Einsatz kommen sollen. Zu diesem Thema enthält der Antrag von Union und SPD im Bundestag die Forderung nach Investitionszuschüssen für spezielle Infrastruktur wie Wasserstofftankstellen und Nachladeeinrichtungen.

Wasserstoffzüge für Hessen In der Pfalz ist aus Kostengründen im Mai die Entscheidung für Akku-Hybrid-Fahrzeuge und gegen die Wasserstofftechnik gefallen. Dagegen hat in Hessen kürzlich der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) bei Alstom 27 Exemplare des Wasserstoffzugs I-Lint bestellt. Das Auftragsvolumen wurde inklusive Versorgung mit Wasserstoff, Instandhaltung und das Vorhalten von Reservekapazitäten für 25 Jahre ab Fahrplanwechsel Ende 2022 auf rund 500 Millionen Euro beziffert. Dies ist die bisher größte I-Lint-Bestellung. Niedersachsen, wo der I-Lint im Alstom-Werk Salzgitter gebaut wird, hat bisher 14 I-Lint bestellt.

Eingesetzt werden sollen die vom RMV bestellten Wasserstoffzüge auf Strecken im Taunus. Für gewisses Kopfschütteln sorgt in Fachkreisen, dass diese Einsatzstrecken teilweise elektrifiziert sind. Auf der längsten Strecke von Frankfurt nach Brandoberndorf fahren die Züge, wenn der Abschnitt zwischen Friedrichsdorf und Usingen für die S-Bahn elektrifiziert ist, 42 von 61 Kilometern unter Fahrdraht – eigentlich optimale Bedingungen für einen Akku-Hybrid-Triebwagen, der Fahrstrom aus Batterie und Oberleitung ziehen kann.

Akku-Hybrid gewinnt im Norden Schleswig Holstein hat sich in einem technologieoffenen Verfahren für Akku-Hybrid-Triebwagen entschieden. Der Auftrag zur Lieferung von 55 Fahrzeugen ging an den Schweizer Hersteller Stadler, der in Deutschland in Berlin-Pankow produziert und auch die „Flirt“-Züge für die Süwex-Linien in der Pfalz geliefert hat. Der Auftrag in Schleswig-Holstein umfasst neben der Lieferung der Triebzüge deren Instandhaltung über einen Zeitraum von 30 Jahren. Der Auftragswert wird mit rund 600 Millionen Euro beziffert.

Der Akku-„Flirt“ soll ab Ende 2022 in den bisher mit Dieseltriebwagen betriebenen Netzen Nord und Ost zum Einsatz kommen, zu denen unter anderem die Linie von Flensburg über Kiel und Lübeck nach Lüneburg gehört. Aufgeladen werden sollen die Akku-„Flirt“ unter vorhandener Oberleitung unter anderem an den Bahnhöfen Kiel, Neumünster, Flensburg, Lübeck und Lüneburg. Darüber hinaus sollen an ausgewählten Stellen zusätzliche Ladevorrichtungen geschaffen werden.

Leitartikel: Scheuers lange Leitung

Von Eckhard Buddruss

Für den Klimaschutz im Verkehr wird es ernst. Leider ist bei dieser Erkenntnis das Bundesverkehrsministerium unter den letzten Nachzüglern und der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer so ziemlich der allerletzte.

Deutsche Klimaschutzpolitik bedeutete lange Zeit de facto: Auf internationaler Ebene ambitionierte Ziele für die ferne Zukunft verkünden, aber kaum etwas dafür tun, sie auch zu erreichen. Die inoffizielle Devise „Klimaschutz ist nicht unser Thema“ galt insbesondere in der Verkehrspolitik. Erst das Konzept der Kohlekommission für einen Kohleausstieg bis 2038 hat nun wohl manchem klar gemacht, dass es tatsächlich ernst wird und es speziell im Verkehr nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Leider ist bei dieser Erkenntnis das Bundesverkehrsministerium unter den letzten Nachzüglern und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) so ziemlich der allerletzte. Das Zauberwort, das die Fortsetzung der bisherigen Vogel-Strauß-Politik erlauben soll, heißt nun E-Fuels. Sie eröffnen scheinbar die Perspektive, dass alles so weitergehen kann wie bisher, weil es dadurch (angeblich) Treibstoff gibt, der mit regenerativem Strom klimaneutral erzeugt wird. E-Fuels haben aber den gravierenden Nachteil, dass ihr Wirkungsgrad im Vergleich zu anderen Wegen der Elektrifizierung extrem schlecht ist. Ihr Einsatz im großen Stil wäre erst dann denkbar, wenn es regenerativen Strom im Überfluss gäbe. Im Moment dient das Propagieren von E-Fuels vor allem dazu, die Illusion zu nähren, dass sich beim Verkehr eigentlich nichts zu ändern braucht und man künftig Treibstoff etwa für spritfressende Geländewagen mit gutem Klimagewissen vergeuden kann.

Deutlich besser ist der Wirkungsgrad bei der Brennstoffzelle, die vor allem interessant ist, wenn es gelingt, Wasserstoff als Speichermedium für regenerativen Strom zu nutzen. Allerdings ist der Aufbau einer auch nur annähernd flächendeckendes Tankstelleninfrastruktur wohl auf absehbare Zeit unrealistisch.

Einen besseren Wirkungsgrad haben batterieelektrische Fahrzeuge, deren Ökobilanz allerdings durch den Energieaufwand für die Herstellung der Batterie belastet wird. Außerdem fahren Elektroautos zwar lokal emissionsfrei, sie haben aber insbesondere beim Platzbedarf den gleichen Nachteil wie Autos mit Verbrennungsmotor. Der Stau wird nicht dadurch kürzer, dass die Autos, die drin stehen, elektrisch fahren.

Im Schienenverkehr haben Batteriefahrzeuge vor allem dann einen großen Vorteil, wenn sie auf elektrifizierten Teilabschnitten ihren Fahrstrom aus einer Oberleitung ziehen können. Die Oberleitungselektrifizierung ist in puncto Effizienz so vorteilhaft, dass es nun sogar Versuche gibt, Autobahnabschnitte mit Oberleitung für Lkw zu versehen. Dabei ist es allerdings reichlich absurd, dass aus Mitteln des Bundesumweltministeriums eine Oberleitung über eine Autobahn gespannt wird, während es das Bundesverkehrsministerium seit Jahrzehnten noch nicht einmal schafft, eine Bahnstrecke mit so starkem Güterverkehr wie die ins bayerische Chemiedreieck bei Burghausen zu elektrifizieren.

In puncto Energieeffizienz ist der Schienenverkehr dem Straßenverkehr auch dann deutlich überlegen, wenn beide mit Diesel betrieben werden. Die leichte Leitungselektrifizierbarkeit verschafft dem Schienenverkehr einen weiteren großen Vorteil. Dass er bisher nicht im gebotenen Umfang zum Tragen kommt, liegt vor allem daran, dass erst einmal hohe Investitionen in die Infrastruktur nötig sind und dabei unter den in Deutschland gegebenen Bedingungen in erster Linie der Bund gefragt ist, der seit Jahrzehnten viel zu wenig tut. Deswegen ist es blamabel, dass der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung zwar schöne Absichtserklärungen zum Thema Bahn-Elektrifizierung enthält, im Bundeshaushalt dafür aber bisher nur Beträge in lächerliche Höhe eingestellt sind. Wenn Projekte wie die Strecke von Neustadt über Landau nach Wörth eine Chance haben sollen, muss sich das grundlegend ändern.

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