Förderverein Schieneverkehr Zweibrücken: Presseberichte 2017

29.07.2018
Die Rheinpfalz

Mut zur Demut

Wir Deutsche können alles, wissen alles, machen alles am besten. Denken wir. Dabei sind uns viele Länder längst voraus. Weil wir uns wohl zu fein dafür sind, von anderen zu lernen. Ein Weckruf von Martin Schmitt

Es ist demütigend: Wer als Bundesbürger ein holländisches Krankenhaus aufsucht, landet in der Quarantäne. Zumindest bis klar ist, ob er multiresistente Keime wie MRSA mit sich trägt. Denn bei den Nachbarn mit ihren hohen Hygiene-Standards stehen wir allesamt im Verdacht, potenziell todbringende Bazillenschleudern zu sein, als würden wir wie einst die Teutonen verlaust und verschroben durch Westeuropa toben. Blamabel. Dabei könnten wir uns leicht abschauen, wie man die Anzahl der MRSA-Infektionen in den Kliniken senkt. Nur gemacht wird es nicht.

Nicht allein bei der Hygiene haben wir den Ruch eines Entwicklungslandes. Beispiel Verkehr: Die Schweizer Bahn fährt pünktlich, schnell, zuverlässig. Hierzulande zockelt der Schienenbetrieb mitunter wie in Indien. Die Eidgenossen untertunneln den Gotthard, uns stürzt ein Röhrchen im badischen Rastatt ein. In Estland lernen Schulkinder mit dem Tablet, hier mit verratzten Leihbüchern. Auf korsischen Gipfeln ist der Handy-Empfang besser als in der Westpfalz oder im Bienwald. Schwedische Kinderbetreuung. Britisches Breitband. Dänische Radwege. Von allen ließe sich lernen.

Stattdessen: Konsequentes Wegstarren, gepaart mit demonstrativer Lernunwilligkeit, in Tateinheit mit Selbstüberschätzung. Was schaffen wir nicht alles, technisch, organisatorisch, sozial – ist das nicht toll? Sicher, manches. Doch warum soll man sich nicht vom Mitschüler einen eleganteren Lösungsweg zeigen lassen? Weil dem offenbar eine grundsätzliche deutsche Verweigerungshaltung entgegen steht: Wer kann schon dem Klassenprimus etwas beibringen?

Aus dieser Haltung spricht eine unberechtigte Respektlosigkeit gegenüber der Leistung anderer. Und eine Schwäche, eigene Fehler einzugestehen. Lieber beharrt man auf alten Rezepten. Der unsägliche BER ist dafür ein Beispiel, die verkorkste Einwanderungspolitik ebenso. Kanada kann’s.

Man muss nicht alles toll finden, was andere machen. Aber man sollte nicht zu stolz sein, darüber nachzudenken und gegebenenfalls Dinge zu ändern. Mut zur Demut! Sonst endet das Land bald wie „die Mannschaft“ bei der WM: auf dem Abstellgleis.